
Wir trauern um Bob Ziegenbalg, der uns am 23.09. im Alter von 70 Jahren unerwartet verlassen hat.
Von 1990 bis zu seinem Eintritt in den Ruhestand im Juli 2021 war Bob Künstlerischer Leiter unseres Theaters. In diesen drei Jahrzehnten hat er das Haus entscheidend geprägt, künstlerisch ebenso wie strukturell. Unter seiner Leitung entwickelte sich das überzwerg zu einem professionellen Kinder- und Jugendtheater mit weit über die Region hinausreichender Strahlkraft. Bob inszenierte zudem zahlreiche vom Publikum geliebte Produktionen und stand auch als Schauspieler auf der Bühne. Unvergessen bleibt sein Part als „Ox“ in „Ox und Esel“.
Aber er war weit mehr als unser langjähriger Künstlerischer Leiter. Er war ein unermüdlicher Streiter für das Theater für junges Publikum – und ein Mensch, der an die Möglichkeiten des Theaters und an die Möglichkeiten von Menschen geglaubt hat.
Unter Bobs Leitung wurde am überzwerg der erste Spielclub für Jugendliche ins Leben gerufen – als einer der ersten Jugendspielclubs bundesweit. Noch immer spielen Jugendliche bei uns Theater, entdecken ihre Ausdrucksmöglichkeiten, probieren Rollen aus, wagen sich auf die Bühne und lernen, sich und andere neu zu sehen.
Nachwuchsförderung bedeutete für ihn nicht, möglichst früh „Talente“ zu sortieren. Es bedeutete, Kindern und Jugendlichen zu zeigen, dass ihre Gedanken, ihre Fragen, ihre Geschichten wichtig sind.
Diese Nachwuchsförderung war ihm immer Antrieb und Ansporn. Und viele ehemalige Jugendclub-Mitglieder sind beim Theater, beim Film oder auch der Kunst gelandet.
Vielleicht war genau das eine seiner besonderen Stärken: Bob konnte Menschen etwas zutrauen. Er sah etwas in ihnen, manchmal früher, als sie es selbst sehen konnten.
Auch Theater sollte in seinen Augen sichtbar machen, was sonst verborgen bleibt. Dabei lag Bob nicht nur die Bühne am Herzen. Ihn interessierte immer das Ganze: das Theater als Ort, an dem Menschen sich begegnen, sich ausprobieren, sich erkennen und vielleicht ein kleines Stück die Welt verändern können.
Er verstand Theater immer als künstlerischen Appell an Menschlichkeit und Toleranz.
“Mut“ war eines seiner Lieblingswörter und auch das, was er Kindern und Jugendlichen mit auf ihren Lebensweg geben wollte: Mut, sich nicht klein zu machen. Mut, Fragen zu stellen. Mut, für sich und andere einzustehen. Mut, die Welt nicht einfach so hinzunehmen, wie sie ist.
Bob hatte Haltung. Er machte es sich nie leicht. Er konnte beharrlich sein, unbequem, hartnäckig. Er bohrte dicke Bretter – in Ministerien, in Fraktionen, in Verwaltungen, überall dort, wo es darum ging, dem Theater für Kinder und Jugendliche den Stellenwert zu geben, den er ihm zumaß. Und er blieb auch dann hartnäckig, wenn andere längst zufrieden gewesen wären.
„Was macht einen guten Schauspieler aus? Er muss zuhören können.“ Ein typischer Bob-Satz.
Zuhören bedeutete für ihn mehr, als Worte wahrzunehmen. Es bedeutete, aufmerksam zu sein. Vielleicht auch deshalb war Bob davon überzeugt, dass gerade Kinder und Jugendliche dem Theater etwas ganz Grundsätzliches zurückgeben: ihre unverstellte Fantasie, ihre Offenheit, ihre Lust an der Verwandlung. Für ihn lag darin nichts Naives. Im Gegenteil.
Bob hat Spuren hinterlassen – in diesem Haus, in seinen Inszenierungen, in unseren Strukturen, in unseren Erinnerungen und vor allem in den Menschen, die ihm begegnet sind.
Mit seinem Tod verlieren wir einen leidenschaftlichen Theatermacher, einen klugen und eigenwilligen Kopf, einen Kämpfer für die Kunst und einen Menschen mit Haltung.
Danke für alles Bob: für deinen jahrzehntelangen Einsatz, für deine Herzlichkeit, für dein enormes Engagement, für den Menschen, der du warst!
Und an dieser Stelle hätte Bob wie nach jeder Probe vermutlich so geendet:
“Ich danke euch für eure Geduld und mir für meine.“
Foto: © Lilli O. Breiniger
